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Blick auf eine Mindmap

Das Projekt und du

Stimmen aus dem Netzwerk

Das Netzwerk kann ohne euch nicht existieren. Es sind eure Stimmen, die einen wesentlichen Bestandteil der Netzwerkarbeit ausmachen. Darum wollen wir in Zukunft hier auch ganz offiziell mit euch sprechen. Unser erstes Interview führten wir mit Sabine Hüttner vom TECHNOSEUM in Mannheim.

Sabine Hüttner

Sabine Hüttner im Interview

Sabine Hüttner im Interview

Sabine Hüttner arbeitet im TECHNOSEUM Mannheim. Gemeinsam mit dem TECHNOSEUM richtet sie auch unser kommendes Netzwerktreffen am 30. und 31. Oktober aus. Im Interview erzählt sie, wie sie zu ihrer Arbeit kam, was Vorführungen von reiner Präsentation unterscheidet und wo die Digitalisierung an ihre Grenzen stößt.

Liebe Sabine, erzähl uns ein bisschen von dir. Wer bist du und wie bist du zu deiner heutigen Tätigkeit gekommen? Wo liegt deine fachliche Spezialisierung?

Mein Name ist Sabine Hüttner, gebürtige Oberschwäbin und in einem Alter, über das man als Frau am liebsten schweigt. Im TECHNOSEUM Mannheim bin ich fest angestellt als "Fachkraft für Vermittlung und Bewahrung historischer Arbeitstechniken und technischem Kulturgut".

Vor vielen Jahren habe ich mit einem kleinen Zeitkontingent als "Zubrot" zu meiner Selbständigkeit in der Vorführtechnik des Museums angefangen, wobei mein Weg vom ausgestorbenen Handwerk über experimentelle Archäologie hin zur Vermittlung führte. Mein fachlicher Schwerpunkt ist ganz allgemein alles Textile, aber auch die Transmissionstechnik des 19. Jahrhunderts und die Vermittlung von Arbeitstechniken.

Gibt es eine persönliche Geschichte, die dich mit historischen Arbeitstechniken verbindet?  Was fasziniert dich daran und warum liegt dir ihre Bewahrung so am Herzen?

Tatsächlich gibt es nur eine geringe familiäre Vorprägung zum Thema Textil, aber mit historischen Arbeitstechniken beschäftige ich mich seitdem ich 20 bin. Also lange vor meinem Eintritt ins TECHNOSEUM. Arbeit ist ein essenzieller Teil des Lebens. Somit bilden Arbeitstechniken erstaunlich genau die Entwicklungen in menschlichen Kulturen ab. Und wie immer ist das Kennen der Vergangenheit die Basis beim Verstehen und Entwickeln der Zukunft. Wenn es für uns Menschen tatsächlich wichtig wird, Energie und Ressourcen zu sparen, werden sich auch Produktionsmethoden ändern müssen. Low-Tech-Lösungen, auf die man zurückgreifen kann, ohne sie neu erforschen zu müssen, können da sehr hilfreich sein.

Welche Rolle spielen historische Arbeitstechniken in eurem Museum?

Ursprünglich war das TECHNOSEUM, damals Landesmuseum für Technik und Arbeit, als "arbeitendes Museum" konzipiert und für dieses Konzept 1992 als europäisches Museum des Jahres ausgezeichnet worden. Von den ursprünglich rund 25 Vorführstationen und -geräten sind nach mehreren konzeptionellen Veränderungen noch 8 Vorführstationen aktiv.

Wie erlebst du die Reaktionen der Besuchenden? Was verändert sich, wenn Maschinen nicht nur gezeigt, sondern tatsächlich betrieben werden?

Bei unseren Vorführungen wenden wir flexible interaktive Konzepte an, welche auf unsere stark gemischten Besuchergruppen ausgerichtet sind. Da die Vorführungen in einfacher Sprache und sehr anschaulich gehalten werden, sind unsere jungen Besuchenden begeistert, da sie oft mit Hand anlegen dürfen und unsere Erwachsenen darüber, dass sie gleichzeitig endlich bestimmte Arbeitsprozesse verstanden haben. Die Möglichkeit, Fragen stellen zu können, rundet das Erlebnis ab und ist für Experten und Expertinnen eines Themas eine Möglichkeit, mit den Vorführenden in Austausch zu gehen. 

Der Unterschied zur einfachen Präsentation eines Exponats? 

Den Unterschied bilden die menschliche Interaktionen, mitmachen statt nur schauen.

Wie gebt ihr das Wissen um historische Arbeitstechniken weiter? Welche Rolle spielen dabei Übung, Fehler und das, was man kaum in Worte fassen kann?

Bei uns werden neue VorführtechnikerInnen von den Alteingesessenen eingearbeitet, welche bereits jahrelang an den Maschinen arbeiten. In einigen Bereichen, wie der Weberei, besuchen unsere Kollegen und Kolleginnen auch Fortbildungen außer Haus.

Viel Wissen ist implizit und wird erst im Laufe der Zeit erworben. Schon aus Gründen der Unfallverhütung ist es wichtig, dass die VorführtechnikerInnen regelmäßig an den Stationen arbeiten. Auch sind sie nicht nur reine Bedienende, sondern auch bei Wartung, Einrichtung und Reparatur eingebunden.

Spürst du eigentlich eine Veränderung des Interesses jüngerer Generationen? Und müsste sich etwas ändern, damit mehr Menschen dauerhaft für die Bewahrung historischer Arbeit zu begeistern sind?

Das Interesse am Erhalt historischer Arbeitstechniken ist auch in den jüngeren Generationen vorhanden. Für die meisten ist es allerdings nicht möglich, eine Stelle in diesem Bereich zu bekommen, von der sie leben können. Sie haben daher nur die Option, sich an den Wochenenden zu engagieren. Für einen ernsthaften Erhalt der historischen Arbeitstechniken müssten in den Einrichtungen Stellen geschaffen werden, welche auch zum Beispiel für einen Familienvater Mitte 30 mit handwerklich-technischer Ausbildung interessant sind, sowie Fortbildungsmöglichkeiten, welche die vielfältigen Aspekte der Arbeit in und mit der Öffentlichkeit unterstützen.

Nun zu unserer Zusammenarbeit. Wie bist du eigentlich zum Projekt "Digitizing Living Heritage" gekommen und wie passt es in deinen Arbeitsalltag?

Die Einladung zum Auftakttreffen wurde von Kollegen an mich weitergeleitet und es erschien mir als eine gute Möglichkeit der Vernetzung mit anderen Vorführbetrieben.

Ich arbeite tagtäglich mit historischen Arbeitstechniken, halte Maschinen am Laufen, warte, reinige und führe bis zu 6-mal am Tag vor. Für den Fortbestand unserer Vorführstationen ist die Weitergabe von Wissen essenziell.

Hast du schon konkrete Schritte zur Umsetzung der Bewahrung historischer Arbeitstechniken unternommen? Welche Herausforderungen sind dir dabei begegnet?

4 Wochenstunden meiner Arbeit sind der Digitalisierung historischer Arbeitstechniken gewidmet. Mehrere Filme sind bereits entstanden und in unserem Medienarchiv hinterlegt. Jeder neue Film bringt neue Herausforderungen, die gelöst werden wollen. Aber da muss man einfach auch mit sich als Anfänger gnädig sein und jeden der Arbeitsschritte nacheinander verbessern. Auf Kriegsfuß stehe ich allerdings immer noch mit dem Drehplan!

Wo stößt die Digitalisierung an ihre Grenzen, gerade bei körperlich-handwerklichen Tätigkeiten? Was lässt sich gut dokumentieren, was eher schwer?

Die ständigen Wiederholungen bei den Aufnahmen sind für die Tätigen immer sehr anstrengend, und der Filmschnitt frisst ziemlich viel Zeit. Der einzelne Arbeitsgang ist nicht das Problem, 40 Jahre Berufserfahrung einzufangen schon.

Gab es unterwegs auch überraschend positive Erfahrungen oder richtige Aha-Momente?

Ich hatte mich einmal völlig geirrt mit einer Einschätzung bezüglich der darstellerischen Fähigkeiten einer Person. Seitdem mache ich beim Vorgespräch immer eine Probeaufnahme und entscheide mich dann erst für den Ablauf des Drehs.

Welche Chancen, aber auch Grenzen siehst du in der Digitalisierung für die Bewahrung lebendigen Kulturerbes?

Ich halte sie für einen von vielen Punkten, die zur Bewahrung des lebendigen Kulturerbes beitragen können. Über digitale Dokumentation könnte man Wissen generationenübergreifend sichern. Allerdings nur dann, wenn Wissen und Wahrheit geschützt sind. Leider bringt die Digitalisierung auch eine Fülle an Manipulationsmöglichkeiten mit sich. Es gibt wie bei allem zwei Seiten. Digitale Formate können helfen, Wissen zu erhalten. Auf der anderen Seite brauche ich dann allerdings die realen Gegenstände und Personen auch nicht mehr.

Was bedeutet dir das Netzwerk "Historische Arbeitstechniken"? Was wünschst du dir zukünftig davon?

Das Netzwerk ist für mich von hohem Wert, für den ich mich auch gerne einsetze. Ich erhoffe mir, Lösungsansätze für Probleme im Vorführbetrieb zu finden und das gesellschaftliche Bewusstsein für historische Arbeitstechniken zu stärken. Ich wünsche mir, dass das Netzwerk tatsächlich bundesweit wird, und wir bis in ein paar Jahren die Datenbank online haben, auf der ich beim Eingeben des Suchbegriffs "Picker wechseln" auf mindestens 5 Filme zugreifen kann :-)